Rehasport Psychiatrie - Weg einer Betroffenen zur Übungsleiterin und zum Gruppenaufbau
„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum“ (aus Faust I von Johann Wolfgang von Goethe)
Frei nach dem Motto wird in folgendem Erfahrungsbericht (Selbstinterview) der Weg einer Rehabilitandin hin zur Übungsleiterin einer selbst aufgebauten Rehabilitationssport beschrieben. Ein Weg voller Herausforderungen, der sich aber lohnt.
„Viele wissen gar nicht, dass es Rehasport für psychische Erkrankungen gibt. Oder wie ich ihn lieber nenne: „Rehasport für psychische Gesundheit“.
Aber von vorn: Ich saß mitten in einer klassischen Orthopädie-Fortbildung. Da tauchte neben „Neurologie“, „Herzsport“ & Co. plötzlich das Wort „Psyche“ auf.
Ich war sofort Feuer und Flamme. Mir war klar: das muss ich unbedingt machen.
Noch am selben Tag berichtete ich unserem Vereinsvorstand davon. Kurz darauf war ich zur Ausbildung angemeldet.
Doch zu dem Zeitpunkt war noch gar nicht klar, ob genügend Teilnehmende zusammenkommen.
Für mich ein totales Rätsel - schaut man sich die konstant hohen Zahlen psychischer Erkrankungen an.
Mein Daumendrücken half. Die Ausbildung fand statt und seit September 2024 bin ich stolze Rehatrainerin für psychische Gesundheit.
Weshalb dieser Artikel dann erst jetzt erscheint?
Trotz meiner Euphorie gab es zunächst ein paar Hürden zu nehmen, bis der erste Kurs für Psychische Gesundheit in diesem Jahr endlich seine Premiere feiern konnte.
Welche Hürden das waren?
Zunächst einmal war selbst vielen Ärzten nicht bekannt, dass es diese Art von Rehasport überhaupt gibt. Da hieß es also, Kontakte knüpfen zu lokalen Hausärzten und Psychologen. Sie luden mich zu ihren Qualitätszirkeln ein, um diese besondere Form des Rehasports vorzustellen und greifbar zu machen.
Und auch danach vergingen noch einige Monate. Denn Menschen mit psychischen Besonderheiten wie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen & Co. brauchen eine gewisse… nennen wir es „Anlaufzeit“. Sie sind zarter & feinfühliger als die meisten „klassischen“ Rehasportler. Es kostet sie viel Kraft, sich in eine neue Umgebung mit einer unbekannten Kursleiterin und obendrein noch unbekannten Mitsportlern zu begeben. Und ich ziehe den Hut vor jeder und jedem einzelnen, der diese Kraft wieder für sich aufbringt.
Seitdem wir zu viert gestartet sind, hat unsere Gruppe nun auch schon Zuwachs bekommen. Die Teilnehmenden erzählen es weiter, z.B. in ihren Selbsthilfegruppen. Und natürlich wird dieses besondere Format, welches in Dessau und Umgebung einzigartig ist, auch aktiv im VfL 96 e.V. angesprochen.
Was den Rehasport für psychische Gesundheit von Orthopädie & Co. unterscheidet?
Zum einen die Übungen und vor allem die Atmosphäre:
Bei den Übungen konzentriere ich mich hauptsächlich auf aufrichtende & koordinative Übungen sowie solche, die die Achtsamkeit schulen und den Selbstwert stärken. Atmosphärisch nehme ich den Zusammenhalt der Gruppe als sehr stark wahr. Die Teilnehmenden geben sich gegenseitig Halt und respektieren wertfrei die Besonderheiten des Gegenübers.
Es erfüllt mich zu sehen, wie meine Teilnehmenden lächeln - besonders wenn ihnen zu Beginn des Kurses gar nicht danach war.
Weshalb ich so für dieses Format brenne?
Als jemand, der früher selbst von einer Angst- und Zwangsstörung betroffen war, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, andere auf ihrem Weg da hinauszubegleiten.
Ein Teil davon ist dieser Rehasport. Er stärkt den Selbstwert der Teilnehmenden, fördert soziale Kontakte und macht ihnen den Kopf durch Bewegung freier.
So, jetzt wissen noch mehr Menschen über den Rehasport für psychische Gesundheit Bescheid - gern weitersagen.
(Quelle: Maria Zeitz)
Anmerkungen von Seiten des SBV:
Um den hohen Bedarf an Übungsleiter/-innen in diesem Profilbereich anzugehen, bietet der SBV jährlich den Ausbildungslehrgang A 80 – Psychische Erkrankungen an, um die erforderliche Übungsleiter/-in Lizenz B - Sport in Rehabilitation zu erhalten. Darüber hinaus bieten wir Beratung und Hilfestellungen zur Schaffung der organisatorischen Rahmenbedingung zur Gründung neuer Reha-Sportgruppen an. Kommen sie gern auf uns zu.
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